Jakob von Uexküll, Gründer des World Future Council und Ausrichter des alternativen Nobelpreises sprach im Rahmen des Allianz-Stiftungsforum in Berlin. Hier seine beeindruckende Rede:

Der Preis der menschlichen Freiheit, sagte der Philosoph Ernst Bloch, ist das
Risiko, dass der große geschichtliche Augenblick auf ein zu kleines
Menschengeschlecht trifft, das der Herausforderung nicht gewachsen ist…
Wir müssen jetzt die Grenzen  unserer Weltordnung und Weltanschauung
durchstoßen, um das menschlich, ökologisch und wissenschaftlich
Notwendige politisch und ökonomisch durchzusetzen. Wir brauchen dazu
eine radikale Analyse, die an die Wurzeln unserer vernetzen
Herausforderungen geht. Aber wir brauchen auch eine realistische Strategie,
die die Menschen dort abholt, wo sie sind.
Die Warnungen sind seit über 30 Jahren bekannt. Lösungen sind auf vielen
Gebieten auch bekannt. Ich sage das ganz bewusst, weil ich seit vielen
Jahren solche „Projekte der Hoffnung“ mit dem Alternativen Nobelpreis
auszeichne. Unsere Entscheidungsträger und Meinungsmacher können also
nicht auf Unwissenheit plädieren. Aber sie haben es vorgezogen, in ihrer
komfortablen Ideologie zu beharren, nach der Wachstum, Märkte und
technologischer Fortschritt mit magischer Hand alle Probleme lösen wird.
Unsere sogenannten Führungskräfte waren in der Tat bisher zu klein für die
Herausforderungen dieses großen geschichtlichen Augenblicks! So haben die

Pessimisten recht bekommen – oder sie waren noch zu optimistisch, denn
das Ausmaß und die Geschwindigkeit z.B. der heutigen Klimaveränderungen
ist nicht einmal von Grünen Fundis vorausgesagt worden.
Letzten Monat warnte The Royal United Services Institute, ein respektierter
militärnaher britischer Think Tank, dass die Folgen des Klimawandels – falls
dieser nicht mit einer viel größeren Dringlichkeit bekämpft wird – Regierungen
paralysieren und „globale Konflikte schaffen könnte, in der Größenordnung
der beiden Weltkriege, die jahrhundertelang andauern würden.“
Wir erleben heute „das Ende des Anderen“ (Ulrich Beck). Die Folgen unserer
Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen sind zum ersten Mal in der
Geschichte global. Wir können also keine Hilfe von außen erwarten. Die
Folgen unserer Handlungen sind auch weiterreichend als je zuvor: sogar
geologische Zeiträume sind dadurch moralisch relevant geworden. Wie gehen
wir mit dieser einmaligen Verantwortung um, ohne von ihr erdrückt zu
werden? Können wir noch rechtzeitig reagieren?
Der wissenschaftliche Konsens sagt „ja“, aber nur, wenn wir in den nächsten
Jahren (nicht mehr Jahrzehnten!) auf vielen Gebieten radikal umdenken und
umsteuern. Märkte und technologischer Fortschritt allein werden es nicht
schaffen und die häufige Frage nach der Rolle DER Wirtschaft geht ins Leere,
denn „die“ Wirtschaft, gibt es gar nicht. Wirtschaftsakteure reagieren auf den
globalen Wandel genauso differenziert wie andere Menschen – viele sind
verunsichert, einige sind pro-aktive Problemlöser, andere suchen mit allen
Mitteln alte Besitzstände zu bewahren, auch wenn dadurch die Sintflut droht.
Die Herausforderungen der wirtschaftlichen Globalisierung sind noch am
ehesten zu beherrschen, denn sie sind politisch gewollt und mithilfe von
detaillierten Regelwerken durchgesetzt. Der US-Ökonom und der Träger des
Alternativen Nobelpreises, Prof. Hermann Daly, beschreibt die wirtschaftliche
Globalisierung als den letzten Versuch, den natürlichen Grenzen des
Wachstums zu entkommen, indem man in den ökonomischen und
ökologischen Raum anderer Länder hineinwächst.
Diese Grenzen sind aber jetzt endgültig erreicht. Das Klimachaos erlaubt kein
Entkommen. Die Folgen der ökologischen Globalisierung sind nicht steuerbar.
Denn Geldschulden können gestundet oder umgeschuldet werden und die
Folgen eines finanziellen Bankrotts sind bald überwunden, wie viele
historische Beispiele zeigen, können die Folgen eines Umweltbankrotts aber
ewig nachwirken! Ökonomische Gesetze können Naturgesetze nicht brechen.
Der Klimabericht von Sir Nicholas Stern beschreibt den Klimawandel als das
größte Marktversagen aller Zeiten. Es handelt sich aber auch um ein
beispielloses Politik- und Medienversagen, denn das Klimachaos ist ja nicht
von informierten Bürgern gewählt worden. Im Gegenteil! Schockiert von den
zunehmenden Katastrophenmeldungen lehnen jetzt immer mehr Menschen
die Gesamtrichtung ab. In den neoliberalen Vorreiterländern USA und
Großbritannien sind weniger als 20% der Meinung, dass die Globalisierung im
Ganzen positiv ist. Eigentlich nicht erstaunlich, denn die meisten US-Männer
verdienen heute weniger, US-Mütter sind heute unglücklicher und US-Kinder
ungesünder als vor einer Generation! Die Erklärungen großer
Jugendkonferenzen der letzten 15 Jahre wenden sich zunehmend gegen die
Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und fordern „kommerzfreie Räume“.
In der Stadt Örebro (Schweden) wurde nach einer Volksabstimmung vor zwei
Jahren Anzeigen auf den öffentlichen Verkehrsmitteln verboten. In Sao Paolo
(Brasilien) wurde letztes Jahr jegliche Außenwerbung als visuelle
Umweltverschmutzung untersagt.
Die Idee, dass mehr Konsum besser ist, beginnt Unterstützung zu verlieren.
Die britische Zeitung „The Guardian“ berichtete letztes Jahr von einem Dorf,
das versucht seine CO2-Emissionen zu verringern: „Plötzlich fühlt sich das
Ehepaar mit einem Zweithaus in Barbados schuldig statt beneidet, und die
Werte der bürgerlichen Mittelschicht beginnen sich zu verändern. Gebraucht
und aus zweiter Hand wird positiver gesehen als neu und glänzend, und der
Nachbar zu Besuch, der sagt: „Puh, es ist warm hier“, erweckt Unbehagen
statt Stolz“.
Die  „Financial Times“ meinte kürzlich, auch die nahe Vergangenheit sei heute
ein fremdes Land. Die stillschweigende Vereinbarung zwischen dem
Businesssektor und der Politik breche zusammen. Die Globalisierung sei ein
Produkt politischer Veränderungen, „but what politics made, politics can take
away.“ (FT 8.4.08)
Einer internationalen Umfrage der britischen Beraterfirma Accountability aus
dem letzten Jahr zufolge will die Hälfte der Befragten – auch in den USA und
Großbritannien – nicht eine größere, sondern eine kleinere Auswahl an
Konsumgütern und fordert, dass klimaschädigende Produkte nicht mehr
angeboten werden.
Immer mehr Menschen haben andere Werte und Freiheitsbegriffe als die des
Marktes. Die menschlichen, sozialen und ökologischen Kosten der
Marktherrschaft sind ihnen zu hoch geworden. Sie wollen nicht zurück zur
staatlichen Planwirtschaft; sie haben andere Ziele und Prioritäten als die des
globalen Konsumenten.
„Es ist schwierig“, schrieb der Begründer der Transpersonellen Psychologie
Abraham Maslow, „Werte wie Großzügigkeit, Liebe und Mitmenschlichkeit in
einer Gesellschaft zu leben, deren Regeln, Institutionen und Informations-
ströme auf die Förderung geringerer menschlicher Eigenschaften ausgerichtet
sind.“
Wir haben daher jetzt die Wahl: entweder weiterhin mit kleinen Reformen
„business as usual“ zu betreiben und vielleicht dabei noch reicher zu werden,
als ein erfolgreicher Pokerspieler auf der sinkenden Titanic, oder wir können
die Zukunft ernst nehmen und jetzt umsteuern. Privat und beruflich können wir
dabei schon recht viel verändern, um ein Teil der Lösung zu werden. Aber wir
wissen, dass dies nicht ausreichen wird! Wir müssen uns zugleich
gesellschaftlich und politisch engagieren, um die Regeln, Institutionen und
Informationsströme so zu verändern, dass sie unseren höchsten Werten
entsprechen und unsere persönlichen Veränderungen unterstützen, statt sie
zu erschweren! Die Vorteile für Vorreiter sind offensichtlich. Die deutschen
Gesetze zur Verbesserung der Luftreinheit ermöglichten den Aufbau einer
weltführenden Filterproduktion. Das deutsche Energie-Einspeise-Gesetz hat
neue Industrien mit hunderttausenden von Arbeitsplätzen geschaffen, und hier
zehnmal soviel CO2 vermieden wie das Kyoto-Abkommen, zu einem erheblich
niedrigeren Preis.
Das heutige Hauptproblem ist keine der großen globalen Krisen, sondern
dass wir diese nicht lösen, obwohl wir das Wissen, die Arbeitskraft und die
Mittel dazu haben. Warum? Viele Umfragen zeigen, dass große Mehrheiten
problembewusst und handlungsbereit sind – auch, um große Schritte zu
unternehmen. Was hält sie zurück? Die Antwort ist eindeutig: der feste
Glaube, dass es nicht ausreichen wird, weil die Entscheidungsträger in Politik
und Wirtschaft nicht mitziehen werden! Wir müssen also jetzt durch eigenes
Vorangehen mehr Menschen davon überzeugen, dass sie Veränderungen
erreichen können und ihre Schritte sich lohnen! „Vorangehen“ heißt aktiver
Einsatz für „best policies“, bestmögliche nationale und internationale
Lösungen. Jedes existierende Gesetz, jede Regelung, jedes Abkommen, jede
Institution, auch jede Gewohnheit muss unter dem Aspekt seiner Zukunfts-
und Umweltverträglichkeit neu überprüft und bei Bedarf geändert werden.
Die Basis unseren Handelns kann nur jener Wert sein, der allen Menschen
gemeinsam war und ist: die tief gefühlte Verpflichtung, unseren Kindern und
ihren Kindern eine bessere Welt zu übergeben. Unsere Vorfahren hatten
manchmal entsprechende Institutionen, z.B. „Räte der Seher in die Zukunft“,
um die Interessen kommender Generationen bei ihren Entscheidungen zu
berücksichtigen. Beispielsweise war das Verunreinigen des Trinkwassers ein
Kapitalverbrechen.
Wie schnell unsere moderne Zivilisation zusammenbrechen kann, zeigte sich
nach dem Hurrikan Katrina in dem Superdome Sportstadion von New
Orleans, als junge kräftige Männer die knappen Trinkwasservorräte an sich
rissen, während Frauen, Kinder und alte Menschen hilflos zuschauen
mussten.
Wir brauchen heute ein neues Verständnis von Gefahren- und Risiko-
Hierarchien. Der Klimawandel ist nicht nur ein Umweltrisiko, sondern bedroht
unsere Sicherheit, Menschenrechte, Hunger- und Armutsbekämpfung u.v.a.m.
Ulrich Beck weißt darauf hin, dass in der Weltrisikogesellschaft der
„Versicherungsschutz paradoxerweise mit der Größe der Gefahr abnimmt.“
Die Ökobilanz kommt in dieser Hierarchie vor der Wirtschaftsbilanz. Nicht die
erneuerbaren Energien sind noch zu teuer, sondern der Verzicht auf die
maximal mögliche Nutzung der Sonnen- und Windenergie von heute – die
morgen für immer verloren sein werden – ist eine verschwenderische und
verantwortungslose Zerstörung von Naturkapital.
Wir müssen heute zugeben, dass der Club of Rome mit seinen Warnungen
größtenteils Recht hatte, und dass wir die 30 Jahre seitdem größtenteils
verschwendet haben. Unsere imposante moderne Gesellschaft steht auf einer
sehr schwachen Basis, und auch das höchste Hochhaus stürzt ein, wenn das
Fundament zerbricht.
Wir beginnen jetzt die schwierigste Reise, die die Menschheit je unternommen
hat. Wir müssen und können auf der Basis des Teilens von besten Lösungen
und Technologien, Gegenseitigkeit und Zusammenarbeit eine
Erdgemeinschaft von Weltbürgern bauen. Wir brauchen eine neue industrielle
Revolution, die unsere Produktions- und Konsumtionssysteme auf der Basis
der Kreislaufmodelle, wie sie von Prof. Michael Braungart in Hamburg
entwickelt wurden umbaut. Die Behauptung, eine solche Wende sei
unbezahlbar, ist Unsinn, denn alles, was eine Gesellschaft tun kann, das kann
sie auch finanzieren. Länder wie die USA und Großbritannien gaben für die
Bekämpfung des Faschismus ca. 20% des jährlichen BSPs aus, d.h. viel
mehr als die höchsten Schätzungen der Kosten für die Bekämpfung des
Klimawandels.
Unsere Hauptaufgabe ist die Entwicklung integrierter Antworten. Eine effektive
Energie-Effizienzrevolution z. B. erfordert eine tiefgreifende ökologische
Steuerreform. Wohlstandsmehrung kann nicht länger bedeuten, unseren
wirklichen Reichtum – eine gesunde Erde –im Austausch für
Computerausdrucke zu opfern, die uns erzählen wie reich wir angeblich sind.
Auch in reichen Ländern sind die Konsequenzen der bisherigen Politik für
viele schon jetzt verheerend. In Australien werden aus Wassermangel ganze
Städte evakuiert. Auch in Teilen Italiens und Frankreichs gab es im letzten
Sommer Wassernotstände. Barcelona und Malta importieren schon Wasser
per Schiff.
Der globale Wandel erfordert auch neue Institutionen, wie den World Future
Council als Stimme zukünftiger Generationen. Dieser berät Parlamentarier in
vielen Ländern, um die Verbreitung von „best policies“, beste existierende
politische Lösungen, zu beschleunigen. Er untersucht auch, wie Verbrechen
gegen zukünftiges Leben verhindert und geahndet werden können. Der
World Future Council (WFC) wurde letztes Jahr in Hamburg gegründet,
nachdem die Stadt und Dr. Michael Otto die Grundfinanzierung für die ersten
drei Jahre (2007 – 2009) garantierten. Der WFC sucht z. Zt. weitere Partner
für die Erweiterung und Fortführung seiner Arbeit.
Wir brauchen auch dringend eine zwischenstaatliche internationale
Organisation zur Beschleunigung der Einführung erneuerbarer Energien –
IRENA (International Renewable Energy Agency), eine Initiative  von
Hermann Scheer, MdB, die jetzt von der Bundesregierung aktiv unterstützt
wird. – Denn Fortschritt brauchte immer entsprechende Organisationen;
Visionen brauchen Fahrpläne.
Auch in China und Indien beginnen die Debatte und die Veränderungen, denn
die Kosten des „business as usual“ werden dort schon untragbar. So berät der
Mitbegründer des World Future Council, Prof. Herbert Girardet, die Erbauer
der ersten Ökostadt Chinas, Dongtan. Sechs weitere sind in Auftrag gegeben
worden – ein kleiner Anfang, aber doch einer.
In Indien hat der World Future Council mit Beteiligung der Zentralregierung
Anfang Februar eine Konferenz über nachhaltige Entwicklungsmodelle
abgehalten. Welche menschlichen Rechte und Pflichten, welche
Lebensqualität, welche Kombinationen von Markt und Staat sind vereinbar mit
dem Gebot, dass unsere Produktion und unser Konsum unsere gemeinsame
Zukunft nicht gefährden darf? Das sind jetzt entscheidende Fragen für uns
alle.
Die CO2-Reduzierungen, die die Wissenschaft für unerlässlich hält, sind jetzt
größer als die, die großen Umweltverbände zu fordern wagen. Wo wird sich
die Wirtschaft positionieren? Noch weiter hinten, oder vorn, um das
entstandene Vertrauensvakuum wieder zu füllen?
Die Schaffung von Lebensqualität mit weniger Energie und Ressourcen muss
unser Ziel sein, wenn wir eine Zukunft voller Konflikte vermeiden wollen. Wir
brauchen ein Wirtschaften auf der Basis von Reife und Zusammenarbeit –
nicht Unreife und Gier. Nicht maximaler Produktbesitz, sondern optimierte
Dienstleistungen werden die Kriterien des ethischen Verbrauchens sein.
Wir können und müssen jetzt den gesetzlichen und institutionellen Rahmen
schaffen, für den schnellen Umbau unserer Energie-, Transport-,
Landwirtschafts- und Produktionssysteme auf eine zukunftsfähige Basis.
Wenn wir versagen, dann wird die Realität sowohl Demokratie wie
Marktwirtschaft hinwegfegen.
Wir müssen zukünftigen Generationen Werte, Traditionen und Institutionen
vermitteln, die das vielfältige Leben auf der Erde unterstützt statt bedroht.
Grosse Aufgaben, aber, wie der Pionier der amerikanischen Anti-Sklaverei-
Bewegung William Channing sagte: „Es gibt Zeiten in der Geschichte, in
denen Mut die höchste Weisheit ist!“
Was für ein Recht haben wir, der Nachwelt Bürden aufzulegen, die wir selbst
nicht tragen wollen? Es wird behauptet, wir bräuchten keine
Verzichtsdiskussion, aber natürlich brauchen wir sie! Ein Kilo Rindfleisch zu
produzieren braucht 13.000 Liter Wasser. Eine nordamerikanische Katze frisst
soviel Rindfleisch wie ein Einwohner Costa Ricas. Können wir uns dies in
Zeiten zunehmender Wasserknappheit leisten? Natürlich nicht! Welche CO2–
Emissionen sind überlebensnotwendig, welche sind Luxus? 25% dieser
Emissionen entstehen durch die Abholzung der Tropenwälder – offensichtlich
ein unhaltbarer und unbezahlbarer Zustand.
Auch der beste Wille und das beste Management kann unter falschen
Rahmenbedingungen nur wenig erreichen. Nur mit unterstützenden
gesetzlichen Regelungen können wir die Energien des Markets entfesseln,
um den Übergang zu einem neuen Modell zu erreichen, bevor es wirklich zu
spät ist.
Wenn wir den weiteren Temperaturanstieg jetzt nicht so stark wie nur möglich
begrenzen – was gewaltige Anstrengungen erfordern wird – so werden wir
durch das Schmelzen des Permafrosts u.a. sog. positive Feedback –
Mechanismen unaufhaltsam eine Erde schaffen, die nur noch für einen
kleinen Bruchteil ihrer Bevölkerung bewohnbar sein wird.
Aber nicht nur negative Entwicklungen können sich beschleunigen! In
Krisenzeiten sind große Schritte manchmal leichter als kleine – weil sie als
problemrealistisch gesehen werden und so begeistern und mobilisieren
können.
Der baldige Höhepunkt der globalen Ölvorräte, der sogenannte peak oil, noch
vor wenigen Jahren nur von einigen Außenseitern vorausgesagt, wird jetzt
von den meisten Öl-Experten akzeptiert. Die rapide steigenden Preise und
Verteilungskämpfe werden riesige Herausforderungen aufwerfen.
Finanzexperten schätzen, dass 70 – 80% des Wertes ihrer Investment-Fonds
auf der Erwartung zukünftiger Kapitalflüsse basieren. Peak oil, Klimachaos
und die globale Wasser-und Nahrungskrise können diese Erwartungen sehr
schnell abstürzen lassen. Die kommende, unaufhaltbare
Masseneinwanderung von Klimaflüchtlingen aus Nordafrika etc. wird in
Europa Ausmaße erreichen, die unsere Mitmenschlichkeit auf sehr harte
Proben stellen wird.
Es gibt natürlich noch immer Stimmen die den Kopf in den Sand stecken. So
forderte der „Wirtschaftskurier“ im letzten Jahr, dass die Energiepolitik der
Bundesregierung „für eine notwendige und berechtigte Balance zwischen den
Belangen der Wirtschaft, konkret auch der Energiewirtschaft, und den
Bedürfnissen für das Klima sorgen muss.“ Die Gleichsetzung der Interessen
einiger Unternehmen mit der Stabilisierung des Weltklimas zeigt ein
erschreckendes Ausmaß von ideologischer Verblendung.
Die nötigen Veränderungen müssen bei uns selbst beginnen, im
Wiederentdecken der Eigenschaft, die die alten Israelis „hochma“ nannten,
d.h. die Fähigkeit zu fühlen und zu handeln, als ob die Zukunft von jedem von
uns abhängt.
Der Träger des Alternativen Nobelpreises und Begründer der Permakultur, Bill
Mollison, berichtete schon bei der Preisverleihung 1981 von beunruhigenden
Naturveränderungen in seiner australischen Heimat, aber damals konnten
solche Botschaften gegen unseren Fortschrittsglauben noch wenig
ausrichten. Heute, wo Nachrichten, wie „das Klima spielt verrückt“ und
„überall Extreme“ auch aus Norddeutschland kommen, können wir sie nicht
länger verdrängen.
Die nächsten zwei bis drei Jahre werden kritisch sein – schreibt die
Beraterfirma McKinsey in einem Klimabericht für den britischen
Industriellenverband. Aber bei der Umsetzung wird noch immer blockiert und
verzögert. Am liebsten mögen viele Politiker Pläne für 2030 und 2050, für
deren Einhaltung sie niemand verantwortlich machen kann. Doch wir
brauchen Umsetzungsstrategien für 2009 und 2010!
Als der Faschismus drohte, haben Briten und Amerikaner alles dem Ziel
untergeordnet, diese Gefahr zu besiegen. Sie haben ihre Wirtschaft
entsprechend umgebaut – nicht über Jahrzehnte, sondern innerhalb weniger
Monate!
Klimasicherheit ist nicht ohne Klimagerechtigkeit zu haben, sowohl national
wie international. Die Naturgesetze sind weder rechts noch links, sondern
stellen die Rahmenbedingungen unserer Existenz. Mit schmelzenden
Gletschern kann man nicht verhandeln!
Was können wir hier und jetzt tun? Wir leben lokal, aber zunehmend auch
global. Keine „best practise“ bei uns wird ohne weit über Kyoto
hinausgehende, bindende internationale Abkommen funktionieren. Ein aktiver
Einsatz für solche Abkommen ist daher ein zentraler Teil einer realistischen
Green Agenda.
Deutschland ist größter CO2-Produzent Europas und trägt damit eine sehr
große Verantwortung. Wie kann die hiesige Wirtschaft diese größte
unternehmerische Herausforderung aller Zeiten nutzen? Die Chancen der
Windenergienutzung z.B. sind besonders groß. Auf Grund des Klima-
notstandes müssen entsprechende Genehmigungen unbedingt zügiger erteilt
werden – der Gesetzgeber ist gefordert auf die neue Gefahrenhierarchie zu
reagieren.
Auf dem Verkehrssektor ist die Einführung einer Citymaut der schnellste und
kostengünstigste Weg, CO2 und Feinstaubbelastung zu reduzieren. Dies
wurde schon in mehreren Städten ohne Einbußen für den Einzelhandel und
mit großer Akzeptanz in der Bevölkerung erreicht.
Wir können durch Notstandsprogramme zur Förderung erneuerbarer Energien
und der Energie-Effizienz auf vielen Gebieten den Klimawandel begrenzen,
aber nicht mehr verhindern. Auf uns kommen extreme Wetterlagen,
(Dürrephasen, Starkregen, Sturmfluten) und enorme Kosten zu. Auf dem
letzten Extremwetterkongress in Hamburg wurden die volkswirtschaftlichen
Kosten des Klimawandels in Deutschland für die nächsten 50 Jahre auf rund
800 Milliarden Euro geschätzt. Ärmere Bundesländer werden
überdurchschnittlich betroffen sein.
Wir müssen vor allem ehrlich und offen sein über das Ausmaß des
Umdenkens und der Veränderungen die auf uns zukommen. Wir sollten auch
keine falschen Hoffnungen erzeugen.  Auf eine „Renaissance der Atomkraft“
zu setzen macht wenig Sinn, wenn – ganz abgesehen von den alten
Problemen und den neuen Gefahren dieser Technologie im Zeitalter des
globalen Terrorismus – Experten schon warnen, dass existierenden AKWs
wegen kommender Kühlwasserengpässe die Abschaltung droht.
Entscheidungsträger müssen sich jetzt klar positionieren, auch in den eigenen
Reihen. Kürzlich berichtete ’Business Week‘, dass mehrere große US-
Unternehmen, die sich gern als ökologische Vorreiter präsentieren, ein
doppeltes Spiel treiben (‘US giants play the green card but keep the coal fires
burning‘, zitiert in ‘The Independent on Sunday‘, 24.2.08). So ist z.B. General
Electric Gründungsmitglied der US Climate Action Partnership, die sich für
starke gesetzliche CO2-Reduktionen einsetzt – aber gleichzeitig
Vorstandsmitglied von zwei Organisationen, die ebensolche Reglungen zu
verhindern suchen!
Keine Gesellschaft, keine soziale Gemeinschaft kann lange überleben ohne
eine ethisch-moralische Basis. Sie ist kein Luxus und kein Zugeständnis an
PR bzw. politische Korrektheit. Sie ist auch mehr als ein Ausdruck von
Zukunftsverantwortung. Sie ist jetzt dringend notwendig für den
Zusammenhalt unserer Gesellschaftsordnung und die Bewahrung unserer
Zivilisation. Auf Bedrohungen dieser Größenordnung reagierten Zivilisationen
in der Geschichte auf verschiedene Weise: durch zunehmende
Verteilungskämpfe bis zum Untergang, oder indem sie – wie Churchill es
ausdrückte – „ihre Rechte, Gewohnheiten und Traditionen in den
gemeinsamem Topf warfen“ – und neue Formen der Zusammenarbeit
entwickelten.
Was machte den Unterschied bei dieser folgenschweren Entscheidung aus?
In einem Wort: Leadership.   Leadership definiert Realität. Laut dem Historiker
der Zivilisationen, Arnold Toynbee, war der häufigste Grund für ihren
Untergang, dass die Eliten ihre Glaubwürdigkeit verloren hatten.
Antworten zu entwickeln ist ein unerlässlicher erster Schritt. Aber ohne mutige
und schnelle Umsetzungsschritte werden diese und ihre Fürsprecher bald ihre
– für die Miteinbeziehung der Bevölkerung unerlässliche – Glaubwürdigkeit
verlieren. Das können wir uns nicht mehr leisten!
Ihre Welt ist nicht die der großen Theorien und weitläufigen Pläne, sondern
die Praxis täglicher Arbeit.
Sie haben daher die Möglichkeit sofort mit der Umsetzung zu beginnen,
inspiriert von den Worten des klugen und mutigen jungen Mädchens, das, im
kriegerischen Amsterdam versteckt, in ihrem Tagebuch notierte: „Wie
wundervoll ist es doch, dass niemand auch nur einen einzigen Augenblick
warten muss, um zu beginnen, die Welt zu verbessern.“ – Anne Frank.
Ich danke Ihnen!

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